Vom eigenen Charakter zur Freundschaft
Überall in der Stadt sieht
man Gruppen von jungen Leuten herumlaufen. Selten nur, dass einem eine einzelne
Person unter 20 Jahren entgegen kommt. Wir sind einfach immer in Gruppen
unterwegs, Mädchen gehen sogar nur zu zweit aufs Klo.
Woher kommt das? Und nach
welchem Muster suchen wir uns unsere Freunde aus?
Es gibt verschiedene Typen
von Menschen, die verschiedene Typen von Freundschaften pflegen. Mein ehemals
bester Freund z.B. hielt es für das Beste, einen Haufen Freunde zu haben, die
er aber nicht näher an sich heranließ. Es waren eher „Bekannte“ und wenn der
eine mal nicht konnte, ging er eben mit einem anderen feiern.
Dann wiederum gibt es
„Klammerer“, Leute die nur eine spezielle Person haben (wollen), der sie sich
anvertrauen.
Beides sind Extreme, aber
wer legt das Maß für die „normale“ Anzahl von Freunden?
Hierbei kommt mir ein
Gedanke: Spiegeln unsere Freundschaften unseren eigenen Charakter wider? Wenn
ich so darüber nachdenke, könnte ich meine Freundinnen „einteilen“: Die
Vernünftige, Bodenständige, die schüchtern – in sich gekehrte, die schlaue,
lustige, die, die schon im Leben steht und die, die noch einmal alles in sich
vereint. Letzteres meine beste Freundin.
Und alle
Hauptcharaktereigenschaften die ich eben von meinen verschiedenen 5 Freundinnen
aufgezählt habe, sind auch Eigenschaften von mir. Suchen wir uns also
unterbewusst uns selbst als Freunde? Wenn ich mir eine andere Mädchenclique aus
meiner früheren Klasse ansehe, könnte das meine Gedanken bestätigen. Alle nicht
besonders helle was zwischenmenschliches anbelangt und ziemliche Modepüppchen.
Eine allein reicht schon, auf einen Haufen sind sie unerträglich.
Funktioniert das aber auch
gespiegelt? Wonach sortieren wir die aus, mit denen wir auf keinen Fall
befreundet sein wollen? Dabei spielt so einiges eine Rolle.
Das beste Beispiel hierfür
wären „reiche“ Kinder, die nicht mit „armen“ Kindern spielen wollen. Angeboren
ist dieses Verhalten sicher nicht. Es prägen uns also schon unsere Eltern, die
sich einen bestimmten Umgang für uns wünschen und so „aussortieren“, was ihnen
nicht gefällt, diese Haltung geht dann meist auf uns über.
Aus eigener Erfahrung kommt
bei dieser Selektion auch das Sprichwort „Gebranntes Kind scheut das Feuer“ zum
Tragen. Werden wir einmal von einem bestimmten Typ Mensch verletzt, vermeiden
wir den Umgang mit potentiell ähnlichen Menschen. Dies machen wir unterbewusst
fest an Kleidung, Haltung, Gesichtsausdruck oder, wenn wir näher mit diesen
Menschen zu tun haben, am Tonfall und deren Umgang mit anderen Personen.
Was aber tun wir, wenn
unsere Freunde sich mit solchen für uns „Gefahrenpersonen“ anfreunden? Dafür
gibt es kein Patentrezept. Hoffen, dass man sich in der Person geirrt hat, die
Krallen ausfahren oder sie einfach ignorieren, jeder geht mit so etwas anders
um.
Wenn wir nun davon ausgehen,
dass unsere Freunde Charaktereigenschaften von uns widerspiegeln, und sich nun
ein Freund bzw. Teilcharakter von uns mit einer „Gefahrenperson“ anfreundet,
passiert dann genau das gleiche wieder? Werden sich die zwei auch streiten,
sich am Ende verfeinden? Da kann man nur sagen: Abwarten und Tee trinken.
Mir stellt sich eine neue
Frage: Wenn unsere Freunde unseren Charakter widerspiegeln, wonach suchen wir
uns dann unsere Beziehungen aus? Vielen wird jetzt wahrscheinlich der Spruch
„Gegensätze ziehen sich an“ durch den Kopf gehen. Ja, mir auch! Aber ist das
wirklich so? Mir würde es ja stinken, wenn mein Freund ein ganz anderes
Verhalten an den Tag legen würde, als meines. Man muss doch irgendwie
zusammenpassen. Aber man hört ja des Öfteren den Satz „Ach, DIE sind zusammen?
Das passt ja gar nicht!“
Ist es wirklich so? Ist es
aufregender, „das Unbekannte“ als Freund zu haben? Oder passen wir uns an das
Unbekannte an, um so wieder etwas gemeinsam zu haben? Das wäre ja eine Art
Kompromiss. Man hat seine Gegensätze, aber auch seine Gemeinsamkeiten. Aber das
wären dann immer noch keine Charaktereigenschaften. Mit seinem eigenen
Charakter zusammen zu sein, wäre wohl auch ziemlich langweilig.
Aber das Wichtigste an
unseren Freunden ist doch, völlig egal ob sie nun ein Teilcharakter von uns
sind, oder das genaue Gegenteil, dass wir sie mögen und das sie uns auch mögen
und zwar so, wie wir sind und nicht anders.